9.

 

Giovannis erstaunliche Antwort hatte mich nicht nur aus allen Wolken, sondern beinahe auch von der Bühne fallen lassen. Da jedoch das Motto Flüchten um jeden Preis war, hielten Samantha, »der Befreite« und ich es für angebracht, dem zu folgen. Als ich mich wieder zurückdrehte, bot sich mir ein Bild aus dem Tollhaus oder besser gesagt die Sicht auf eine kräftig durchgeschüttelte Schneekugel. Theosophen, Artgenossen aus dem Käfig, Zylinderhüte und Banknoten wurden in dem von mir angerichteten Sturmwind wie Daunenfedern in alle Richtungen geblasen. Die Rundbögen, die in die Katakomben zurückführten, dienten als eine Art Staubsaugerrüssel für die aufgescheuchten Chaospartikel, welche kopflos umherschwirrten. »Ruhig Blut«, wollte ich ihnen am liebsten zurufen, »es ist doch nur Luft!«

Sei’s drum, wir wollten und mußten ihnen nacheifern und stürmten mit einem beherzten Sprung von der Bühne herunter. Unser Weg führte uns zwischen rennenden Menschenbeinen und all dem sonst so umherfliegenden Plunder zum nächsten Rundbogen. Wenn dieser Übergang bewerkstelligt wäre, so dachte ich, würden wir fürs erste aus dem Schneider sein.

Ein grandioser Irrtum, wie sich herausstellte, denn schon vor dem ersehnten Ziel passierte die erste Katastrophe. Als der Bogen nur noch einen Handbreit von uns entfernt war, kam urplötzlich von rechts ein flüchtender Theosophenfuß angesaust und verpaßte Samantha versehentlich bäuchlings einen Tritt. Sie wurde mit geweiteten Augen hoch durch die Luft geschleudert, und das letzte, was ich von ihr sah, war, wie sie in die unergründliche Finsternis des Nachbarbogens flog. Es war der falsche Zeitpunkt, eine Suchaktion nach ihr zu starten. Ich beruhigte mein Gewissen schließlich damit, daß sie sich im dem Katakombensystem wie keine andere auskannte und auch ohne unsere Unterstützung heimfinden würde –

vorausgesetzt sie hatte den Bauchtritt überhaupt überlebt!

»Da du dich ja, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen haben, zum echten Romkenner gemausert hast, kannst du mir vielleicht verraten, wohin die Reise jetzt geht, 007«, sagte Giovanni süffisant, obwohl er ziemlich außer Atem war. Wir hetzten durch einen Gang, der jenen, die zum Gewölbe geführt hatten, zum Verwechseln ähnlich sah.

Die schräg aus dem Gemäuer wachsenden Fackeln loderten noch, da der Luftzug in den Verzweigungen der Anlage allmählich schwächer wurde. Wir streiften erneut an Gruften vorbei, in denen uns Gerippe mit heruntergeklappten Unterkiefern wirklich auszulachen schienen, an kleinen Nischen mit eingeritzten religiösen Symbolen und an pechschwarzen Räumlichkeiten, bei denen ich mir besser nicht vorstellen mochte, was sie verbargen. In der Ferne erblickte ich eine Monstergabelung mit diversen Armen, die das baldige Ende dieses Alptraums ins Reich der Illusionen verbannte.

Bei der Vorstellung, wie ich tagelang in diesem Labyrinth herumirrte und mich dabei bis zum bitteren Tod im Kreis drehte, wünschte ich beinahe, daß der Theosophenfuß von eben mich gleich miterwischt hätte. Etwas Positives konnte man dem Ganzen aber dennoch abgewinnen: Außer Giovanni und mir befand sich sonst kein anderer in diesem düsteren Flur. Wir waren mutterseelenallein.

Weder verfolgte uns einer der Flattermänner noch ein Geist aus der Astralebene.

»Du bist das undankbarste Vieh, das mir je begegnet ist!« erwiderte ich dem neben mir herrennenden alten Zausel. Der narbenübersäte, kupferäugige und mit Flöhen gesegnete Graue erinnerte mich an einen Brauereigaul, den nichts aus der Ruhe bringen kann.

»Undankbar?«

Giovanni schien selbst während eines Dauerlaufs zu einem abgeklärten Lächeln fähig.

»Wofür sollte ich dir dankbar sein?«

»Vielleicht dafür, daß ich dir und deinen Largo-Argentina-Genossen das Leben gerettet habe!«

»Das Leben gerettet? Du hast uns um das beste Futter gebracht, das uns alle Jubeljahre mal aufgetischt wird, du Meisterdetektiv.«

»Wie soll ich das verstehen? Willst du etwa damit sagen, daß Signore Ku-Klux-Klan einen von euch aufschlitzen wollte, um dessen Eingeweide den anderen als Delikatesse darzureichen?«

» Stupidaggine! Niemand sollte aufgeschlitzt werden.«

»Aber was hatte er dann sonst vorgehabt?«

Giovanni war genervt.

»Ob dus glaubst oder nicht, du Oberschlaumeier, aber er hatte das Gleiche vor wie du!«

»Wie bitte? Aber er hatte schon mit dem Säbel ausgeholt …«

»… um die Knoten zum Platzen zu bringen!«

Die schlagartig einsetzende Verwirrung in meinem Schädel fand in der labyrinthischen Verwirrung unseres Weges ihr Spiegelbild. Wir waren mittlerweile an der Mehrfachgabelung angekommen und mußten uns für einen der vielen Gänge entscheiden. Weder mich noch meinen sibyllinisch daherredenden Begleiter stürzte diese Tatsache jedoch in eine Krise, da wir von der komplizierten Verschachtelung sowieso keinen blassen Schimmer hatten und es uns deshalb vollkommen egal sein konnte, welchen Weg wir nun nahmen. Aber selbst für solche Schwarzseher, die wir mit unseren Wunderaugen waren, empfahl es sich, die Dunkelheit besser zu meiden. So bevorzugten wir letzten Endes eine Katakombe, die wie die vorherige vom Fackelschein beleuchtet war.

Das alles lief ohne großes Nachdenken ab, und was Giovanni betraf, so zweifelte ich, ob er diese Scheideweg-Problematik überhaupt mitbekommen hatte. Jedenfalls redete er weiter drauflos, als wäre nichts geschehen.

» Signore Francis, ich hatte den Eindruck gewonnen, daß du, was Bildung anbelangt, zumindest ein paar Monate lang auf der Fußmatte einer Elite-Uni geschlafen hast.

Diese Theosophen-Knilche glauben an die Wiedergeburt.

Wenn du nur halb so genial wärst, wie du tust, wärst du ganz allein drauf gekommen, daß die Anhänger des Wiedergeburtgedöns’ sich eher selbst ein Ohr abhacken würden, als einem Tier Leid zuzufügen, geschweige denn es zu töten. Denn nach ihrem eigenen Tod könnte ja ihre kostbare Seele zufällig in einem Giovanni wiedergeboren werden, wodurch sie meiner Meinung nach sogar enorm an Wert gewinnen würde.«

»Andererseits betrachtet man in solchen Kreisen das Ohr als das Tor zur Seele«, warf ich ein. »Die Seele soll den Kadaver durch das Ohr verlassen. Das hat mir jedenfalls Samantha erzählt. Und hat nicht gerade dieser Kapuzenheini verkündet, daß ihr im Käfig das Ritual erwartet? Es war die Rede vom Öffnen der Herzen, damit alle Seelen ein Schwätzchen miteinander halten können.

Für mich hat sich das angehört wie ›Machen wir ein paar Probebohrungen im Ohrbereich, mal sehen was dabei herauskommt‹.«

»Ich kenne deine Samantha nicht. Aber ihre Theorie klingt so, als ob sie sich mit diesem Theosophenpack fabelhaft verstehen würde. Das Ritual, von dem der Typ sprach, ist pures Theater. Eine feierliche Befreiung der, wie sagt man, symbolischen Art. Einmal im Monat sammeln die Frackträger uns im Largo Argentina ein, bringen uns in ihren Bunker und bauen um uns herum diesen Käfig auf, der den Namen nicht verdient. Wir könnten auch ohne die Hilfe deiner Windshow daraus entfliehen, doch statt dessen machen wir ganz gequälte Gesichter, um das Mitleid noch zu forcieren. Na ja, anfangs wird immer zünftig geträllert, ein bißchen Abrakadabra und Seelenwanderung betrieben und viel jenseitiges Blech schwadroniert. Dann kommt die Nummer mit dem Säbel dran. Diese Idioten halten nämlich ihre Rasse unserer ebenbürtig. Der reinste Größenwahn, aber was soll’s, Adriano Celentano hielt sich eine Zeitlang auch für einen begnadeten Schauspieler! Auf dem Höhepunkt des Tamtams wird der Säbel geschwungen, die Knoten weggehauen und die armen, armen Tierchen aus dem Käfig gelassen. Danach gibt es immer ein fürstliches Mahl, um uns zwecks späteren Seelenaustauschs gnädig zu stimmen, und anschließend wieder den Rücktransport in das Elend. Ein bißchen langweilig, wenn man die Prozedur schon dreißigmal mitgemacht hat, aber immer noch nobler als einer alten Frau die Salami vom Brötchen zu klauen.«

Ich kam ins Grübeln. Sollte Samantha, die sich so intensiv in die theosophische Materie vertieft hatte, ausgerechnet in diesem brisanten Punkt eine Wissenslücke gehabt haben? Es erschien mir unwahrscheinlich, weil sie gerade die Mordmethode des »Ohrentkernens« als eine Spezialität der Lehre ausgemacht hatte. Wie konnte sie sich genau ins Gegenteil von dem versteifen, was Giovanni erfahren hatte? Ich unternahm einen weiteren Versuch, um die Widersprüche im herzensguten Image der Theosophen aufzuzeigen.

»Giovanni, Kapuzie sprach in seiner Salbaderei von einem Wunder, das sich bald offenbaren würde«, sagte ich, während wir immer noch rannten, als sei der Leibhaftige hinter unseren Ohren her. »Das Ganze hörte sich nicht gerade nach Völkerverständigung der Seelen an.

Eher nach Weltpolitik. Kannst du mir vielleicht verraten, was es damit auf sich hat?«

»Von Weltpolitik habe ich keine Ahnung, ich habe mit der Politik des Schnorrens schon genug am Hals. Und auch von Wundern weiß ich nichts. Aber wie gesagt, diese Kerle haben samt und sonders einen an der Klatsche.

Vielleicht hält es der Meister schon für ein überwältigendes Wunder, wenn er sich beim Furzen ein brennendes Feuerzeug an den Hintern hält und es Paff!

macht.«

»Ich verstehe das nicht. Es ergibt alles keinen Sinn.

Wieso setzt die schlaue Samantha eine derartige Behauptung in die Welt, wenn fast jeder von euch in Rom weiß, daß das nicht stimmen kann.«

»Ich habe da so eine Theorie: Sie hat dich angelogen, Francis!«

Ohne es mir richtig eingestehen zu wollen, hatte ich diesen Gedanken schon selbst in Betracht gezogen. Der Grund für die dreiste Lüge blieb mir natürlich verschlossen, aber die Vermutung lag nahe, daß diese merkwürdigen Morde mit etwas in Zusammenhang standen, was weit verzwickter, vor allem aber ungeheuerlicher war als die albernen Gespensterbeschwörungen eines Chapeau-claque-Vereins.

Und so mußte ich bei meiner Kombinationsarbeit wieder bei Null anfangen, vorausgesetzt das spezifische Verletzungsmerkmal traf auch auf jene anderen Opfer zu, die vor meinem Eintreffen ins Gras gebissen hatten.

»Okay, eine letzte Frage, Sizilianer«, sagte ich, langsam spürend, daß die zurückliegenden Geschehnisse ganz schön an meinen Kraftreserven gezehrt hatten. »Wenn diese Flattermänner kein fröhliches Ohrenstechen veranstalten, im Gegenteil, die Unserigen nur esoterisch knuddeln wollen, wenn von ihnen also keinerlei Gefahr ausgeht, kannst du mir dann gefälligst verraten, warum und vor wem wir eigentlich auf der Flucht sind?«

Giovanni verlangsamte sein Tempo wie ein an Schwung verlierendes Pendel, bis er schließlich zum Stehen kam.

Auch ich machte halt und starrte ihn an. Die funkelnden rötlichen Augen, die zickzackförmig gekrümmten ergrauten Schnurrhaare, die halb kahle Maulpartie, das ganze zerschundene Gesicht war jetzt eine einzige Verblüffung.

»Ähm, war das nicht deine Idee gewesen?« sagte er nach einer Weile.

Ich wollte ihm energisch widersprechen – bis mir plötzlich aufging, daß er völlig recht hatte. Ich mochte keine Wette darauf abschließen, wie nun mein Gesicht aussah, aber ich fürchtete, daß »dümmlich« es präziser getroffen hätte als »verblüfft«.

Wir befanden uns jetzt in der Mitte des Ganges, der sich hinter uns in einem ausgedehnten Bogen erstreckte. Die Fackeln beschrieben eine geschwungene Lichterkette aus einzelnen und immer kleiner werdenden Helligkeitstupfern. Der Weg vor uns führte in gerader Linie weiter, wobei sich am Ende rechts ein Quergang andeutete. Während Giovanni und ich noch damit beschäftigt waren, uns ratlos anzustarren, passierten im folgenden drei Dinge nahezu gleichzeitig. Sie schossen nach der bisherigen Konfusion im buchstäblichen Sinne nach den Vogel ab, und ich möchte mir hier die Mühe machen, sie in der Aufzählung der Landessprache wiederzugeben.

Numero uno. »Hast du vielleicht eine brauchbare Idee, wie wir aus diesem verfluchten Irrgarten wieder herauskommen?« wollte ich von Giovanni wissen, dessen sichtliche Gelassenheit mir langsam auf den Wecke ging.

»Warum gehen wir nicht einfach zurück und gucken, ob die Theosophen sich wieder beruhigt haben? Vielleicht lassen sie aus Erleichterung, daß die Welt doch nicht untergegangen ist, für uns ein Fünf-Sterne-Gelage springen. Mein leerer Magen jedenfalls sendet schon seit Stunden SOS …«

In diesem Augenblick erschien am Ende des Ganges ein Schatten. Vom Quergang kommend, blähte er sich an der Mauer zu einer unheimlichen Silhouette auf. Giovanni und ich verstummten augenblicklich, und obwohl wir uns beide darüber im Klaren waren, daß gerade das unbeständige Fackellicht eine Gestalt als Schattenriß bis ins Unkenntliche verzerren und die Größenverhältnisse ins Groteske verkehren konnte, begannen wir zu frösteln. Jetzt vernahmen wir auch Schritte, die keinen Zweifel darüber ließen, daß es sich uns in Kürze zeigen würde. Mein Nebenmann schluckte hörbar, was bestimmt nicht vom Hunger herrührte. Und was mich betraf, so produzierte ich wohl eine komplette Symphonie an Lauten, die der puren Angst geschuldet waren. Das unaufhaltsam näherkommende schwarze Gespenst wurde allmählich kleiner, doch das beruhigte unsere wie Klaviersaiten gespannten Nerven kein bißchen.

Endlich bog der Schattenmann um die Ecke – und siehe da, es war ein alter Bekannter! Aber nicht gerade einer, der die Saiten zur Entspannung brachte. Ohne uns richtig wahrzunehmen, näherte sich der Kapuzenmann eiligen Schrittes. Ich konnte nur spekulieren, wieso er sich noch in der Anlage aufhielt. Wahrscheinlich hatte er sich erst aus seinem Versteck getraut, nachdem sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte. In seiner düsteren Kluft und mit dem Chromsäbel in der Hand machte er aus der Nähe einen noch furchteinflößenderen Eindruck als von der Empore im Gewölbe. Sein wallendes Gewand erzeugte beim Gehen beklemmende Schleifgeräusche, und in den rotgeränderten Sehschlitzen funkelten nervös hin- und herhuschende azurblaue Augen. Als er uns schließlich doch noch entdeckte, kostete ihn dies lediglich eine Schrecksekunde, von der er sich schnell erholte, geradeso, als ärgere er sich en passant über den Unrat am Straßenrand. Danach marschierte er entschlossen weiter auf uns zu.

»Ich habe es mir in Sachen Friedfertigkeit dieser Geisterbeschwörer anders überlegt«, flüsterte Giovanni mir zu. »Laß uns lieber den Abgang machen – der Typ sieht mir nicht koscher aus!«

Er sprach mir aus der Seele. Als wären bei uns die Zündschlüssel umgedreht worden, machten wir gleichzeitig kehrt und flitzten los.

Numero due. Ein sich wiederholendes dumpfes Hämmern, das von fern und doch seltsam nah, in kurzen Intervallen, ja geradezu dem Ton einer eingemummten Pauke ähnelnd, ereilte unsere Lauscher. Wir waren natürlich nicht in der Stimmung, stehenzubleiben und der Quelle dieses merkwürdigen Geräusches nachzugehen.

Bumm! … Bumm! … Bumm! … machte es von irgendwoher immer wieder, während wir, den Kapuzenmann an unseren Hacken, über die grobgehauenen Steinplatten liefen. Mein gegenwärtiger Zustand mußte inzwischen jede Panikskala sprengen.

Dennoch versuchte ich mit dem verbliebenen Teil meiner Ratio den Ursprung des Geräuschs herauszufinden. Ich spürte eine kaum wahrnehmbare Vibration unter meinen Pfoten und glaubte, daß das stetige Hämmern von unten nach oben aufstieg. Giovanni erging es vermutlich genauso. Als gäbe es unter uns eine weitere Katakombe, aus der die Paukenschläge nach oben drängten. Ich wäre der Spur gern noch weiter gefolgt, hätte mich nicht gerade ein absonderlich verkleideter Mann mit einem Säbel verfolgt – und wäre mir zu allem Überfluß nicht etwas noch Unglaublicheres dazwischen gekommen …

Numero tre. Wir waren fast am Ende des Ganges angelangt, als plötzlich zwei Männer um die Ecke bogen.

Nichts Ungewöhnliches, hätte man meinen können, denn irgendwo mußten die Flattermänner aus dem Tempel in ihrer Konfusion ja Zuflucht gesucht haben. Doch weit gefehlt! Keine Fracks, keine Pelerinen, keine Zylinderhüte und keine goldköpfigen Spazierstöcke. Als Giovanni und ich in Anbetracht der veränderten Verkehrslage eine Vollbremsung hinlegten, standen plötzlich ganz normal gekleidete menschliche Wesen vor uns. Na ja, sie waren vielleicht nicht gerade von der Sorte, wie man sie im Supermarkt oder im Garten beim Grillen antrifft. Sie trugen tadellos gebügelte dunkle Einreiher, unauffällige Krawatten und trotz der hiesigen schwummerigen Lichtverhältnisse Sonnenbrillen mit pechschwarzen Gläsern. Ihre Schädel schmückten Bürstenhaarschnitte, und ihre kantigen Gesichter wirkten so, als wäre für deren Formgebung eine Eisengießerei verantwortlich. Kurz, es handelte sich um zwei gut durchtrainierte Kerle, die sich aber augenscheinlich nicht allein auf ihre Muskeln verließen. Ein jeder von ihnen hielt in der Hand eine silbrige Pistole mit klobigem Schalldämpferaufsatz.

Wir waren drauf und dran, die Hände hochzuheben, und erstarrten auf der Stelle. Ich riskierte einen vorsichtigen Blick zurück. Auch der Kapuzenmann, der sich zirka fünfzehn Meter von uns entfernt befand, hatte derweil die Bremse gezogen. Er stand regungslos wie eine Schaufensterpuppe, der man ein Karnevalskostüm übergeworfen hat, mitten im Gang und blinzelte. Ich hätte gern gewußt, was in seinem Kopf jetzt vorging. Die denkwürdige Begegnung wurde von anhaltendem Hämmern begleitet, und die intensiver gewordene Vibration unter meinen Pfoten sagte mir, daß der Hammer genau hier unterhalb des Steinbodens angesetzt wurde. Es war wie der Soundtrack zu der dramatischen Situation, in der wir uns befanden. Sogar die Schalldämpfer-Zwillinge gönnten ihren eisernen Zügen den Anflug einer Irritation und neigten ihre Köpfe geringfügig zu Boden. Um dann jedoch schnell wieder aufzublicken und zur Sache zu kommen.

»Don’t move from the place or you are dead before you can fart!« brüllte einer der beiden und hob die Pistole in senkrechte Position.

Nun, das klang definitiv nicht Italienisch. Es klang nach Touristen, die ihren Urlaub bei der Reiseagentur Smith & Wesson gebucht hatten, Touristen mit dem Wunsch nach ganz eigenwilligen Freizeitaktivitäten. Eigentlich klang es nach waschechten Killern.

Als uns klar wurde, daß die Boys die weite Reise aus den USA in den Untergrund Roms nicht deshalb gemacht hatten, um uns beiden das Hirn rauszublasen, um beim standesgemäßen Jargon zu bleiben, konnten wir uns eines Schauers der Erleichterung nicht erwehren. Wir spielten überhaupt keine Rolle. Sie hatten es wohl auf den Kapuzenmann abgesehen. Seinem Wunder galt das Interesse vieler dunkler Mächte, und unsere beiden Freunde waren gekommen, damit es den Besitzer wechselte.

Giovanni indes sah die ganze Angelegenheit von der praktischen Seite.

»Es ist immer wieder ein Genuß, mit dir ein Schwätzchen zu halten, il mio amico«, sagte er mit einem derart nonchalanten Ausdruck, daß ich befürchtete, er würde im nächsten Moment wie Parfüm aus dem Flakon entweichen und über unseren Köpfen verdunsten. »Aber ich fürchte, hier wird irgend jemand gleich eine schwere Bleivergiftung erleiden. Und was Vergiftungen anbelangt, da bin ich ein gebranntes Kind – du erinnerst dich –

Spaghetti Bolognese mit Grünstich. Arrivederci, Francis!«

Giovanni dackelte ohne irgendein Anzeichen von Nervosität einfach los, so daß sich sogar die Revolvermänner genötigt sahen, ihre finsteren Sonnenbrillen zurechtzurücken und den Vorgang geschehen zu lassen. Er spazierte völlig entspannt ausgerechnet zwischen den Beinen eines der Männer hindurch, bog gemütlich um die Ecke und verschwand.

Logisch, daß ich zunächst mit dem Gedanken spielte, ihm einfach zu folgen. Denn was Giovanni gesagt hatte, klang etwa so prophetisch wie die Aussage, im Sommer würde es wärmer werden als im Winter. Niemanden hätte es gewundert, wenn hier gleich Kugeln durch die Luft geschwirrt wären. Und trotzdem … Trotzdem gab ich mich nur allzu gern dem süßen Gift hin, das meine unheilbare Krankheit nährte: die unstillbare Neugier. Ich wollte wissen, wie es weiterging. Vielleicht erfuhr ich ja auf diese Weise doch noch etwas über das Wunder.

Nachdem die beiden Brillenmodells Giovannis coolen Auftritt verdaut hatten, gingen sie wieder ihrem Job nach.

»Discard this fucking sabre and get closer slowly!« sagte einer von ihnen zu dem Kapuzenmann und wies auf den Säbel.

Just in diesem Moment spürte ich unter mir einen derart gewaltigen Schlag, daß ich unwillkürlich an ein Erdbeben dachte. Der Knall war ohrenbetäubend und ließ die ganze Katakombe erzittern. Nach solch einer Erschütterung hätten sich zwischen den Steinplatten eigentlich markante Risse bilden müssen. Und tatsächlich, als ich mich für den Bruchteil einer Sekunde von dem Gangsterdrama löste und nach unten blickte, sah ich sie. Wie Verästelungen in einer zersprungenen Glasscheibe breiteten sich im Boden in unregelmäßigem Muster verlaufende Risse aus. Was für eine Glückssträhne ich doch hatte! Ich konnte mir die Art meines künftigen Todes nun sogar aussuchen: erschossen werden durch eine verirrte Kugel oder unter Geröll begraben.

Die Boys ließen sich durch den Krach für einen Augenblick ablenken, was der Kapuzenmann sofort ausnutzte. Er drehte sich um und wollte in Richtung des Querganges, aus dem er gekommen war, fliehen. Doch einer seiner Häscher reagierte geistesgegenwärtig und drückte ab.

Ein Geräusch wie von einer zuschnappenden Falle erschallte, halb Zischen, halb Knacken. Am rechten Oberarm der Kapuze entstand ein Loch von der Größe einer 1-Euro-Münze, aus dem ein kleiner Blutschwall schoß. Der Meister ließ den Säbel scheppernd zu Boden fallen und umfaßte mit der freigewordenen Hand die Wunde. Ehre, wem Ehre gebührte, die Killer beherrschten ihr Handwerk. Sie wollten den Wundermacher lebendig in die Finger kriegen und hatten deshalb auf einen Blattschuß verzichtet. Sie wollten die Schatzkiste nicht eher zerstören, bevor sie den Schatz nicht geborgen hatten.

Einen Moment lang kehrte Stille ein, in der sich die Gegner fixierten. Aus der Schalldämpfermündung der abgefeuerten Waffe entwich kaum wahrnehmbarer Rauch; zwischen den auf die Wunde gepreßten Fingern des Meisters quoll Blut hervor, und meine Schwanzspitze zitterte so fiebrig, als sei ich auf ein funkelnagelneues Mäuseloch gestoßen. Dann traten die Boys auf ihr in die Enge getriebenes Wild zu, und die Ereignisse überschlugen sich.

Ein erneuter Rums durchfuhr die Stille diesmal noch dröhnender, der Boden bebte, und ich begann zu halluzinieren. Anders konnte ich mir nämlich das, was sich unten abspielte, nicht erklären. Die Risse zwischen den Steinplatten vervielfachten sich rasant, einige Steine schwankten bedrohlich, andere sackten schon weg, und schließlich zerbarsten ganze Teile des Bodens und stürzten wie auseinandergesprengte Bauklötzchen geradewegs in die Tiefe. Daß ich nicht halluzinierte, merkte ich erst, als der Halt unter meinen Pfoten sich in Nichts auflöste und ich den Weg der purzelnden Steine ging.

Bevor ich die vertikale Reise antrat, war mir jedoch noch vergönnt, dem vorläufigen Ende der Kapuzengeschichte beizuwohnen. Der Durchbruch hatte einen unüberwindlichen Graben zwischen den Kontrahenten gerissen. Während die Killer ihre Fassungslosigkeit zu überwinden suchten, ergriff der Meister seine zweite Chance und rannte davon. Daraufhin fiel prompt ein weiterer Schuß. Diesmal traf es den Flüchtenden am Bein, was ihn aber nicht davon abhielt weiterzulaufen, bis er den Quergang … Doch dieses zwiespältig-beglückende Finale bekam ich schon nicht mehr mit, da ich schneller als gedacht ein Opfer der Schwerkraft wurde und in einer Wolke aus Staub, unter umherfliegenden Steinchen und großen Schieferplatten durch das Loch stürzte.

Die Ankunft in der Tiefe verdiente zwar nicht gerade das Prädikat »bequem«, aber ich wurde auch nicht im Reich der Toten willkommen geheißen, sondern im Kreis von drei Erleuchteten. Ich landete auf vier Pfoten auf einem großen Schutthaufen, während auf mich ein Niederschlag aus Staub und Geröll herabging. Offensichtlich befand ich mich in einer neuen Katakombe. Diese schien weitaus primitiver gebaut als die obere – krumme und schiefe Gemäuer, vermutlich mit bloßen Händen und einem Mörtelgemisch aus Lehm, Stroh und Kuhdung gemauert, von Stützbalken eingefaßt, die aus Baumstämmen bestanden und die teilweise noch mit Rinde behaftet waren. Hier schienen überall archäologische Kleinode versammelt. Jerusalemer und lateinische Kreuze, Aureolen, die die Aposteln mit Glorienschein und gen Himmel weisendem Zeige- und Mittelfinger darstellten und Szenen vom Heiligen Grab Jesu mit wehklagenden Weibern waren mit bloßer Asche an die Mauern gemalt.

Doch auch farbige Zeichnungen waren zu sehen. Ich nahm an, daß es sich bei diesem untersten Bereich um den Ursprung des Katakombenbaus handelte.

Ich konnte die Sehenswürdigkeiten jedoch gar nicht genießen, da mich die drei Erleuchteten um mich herum blendeten. An ihren kanariengelben Schutzhelmen klemmten Grubenlampen, die mir direkt ins Gesicht leuchteten. Einer von ihnen stand noch in der heroischen Pose eines Arbeiterdenkmals mit einem eisernen Rammbock in den Händen da, mit dem er wohl die ganze Zeit die Decke nach Querverbindungen zu der Anlage abgehämmert hatte. Eine Frau mit Nickelbrille und Atemschutzmaske vorm Gesicht schien die Intellektuelle in der Runde zu sein, da sie lediglich ein graziles Mineralienhämmerchen und einen Pinsel vorzuweisen hatte. Der dritte Mann kam mir verdammt bekannt vor.

Kein Wunder, neigte sich doch dieses dumme Gesicht gewöhnlich tagtäglich mit Sprüchen wie »Wuduwuduwudu, na hattas Freßchen auch geschmacket?« zu mir herab.

Da ich wußte, daß es um die Denkgeschwindigkeit bei diesem Kerl ungefähr so bestellt war wie um den Fluchtreflex bei einer Schnecke, und da ich darüber hinaus auch wußte, welcher Spruch mit hundertprozentiger Sicherheit am Ende dieser anstrengenden Denkarbeit folgen würde, vertrieb ich mir die Zeit solange mit etwas Vernünftigem. Ich hob den Kopf und blickte zu dem Durchbruch an der Decke. Die Boys oben waren – wie nicht anders zu erwarten – längst verschwunden, und nichts erinnerte mehr daran, daß in der Beletage noch vor einigen Augenblicken eine echte Schießerei stattgefunden hatte.

Dann wandte ich mich wieder Gustav zu und ließ seine höchst überraschende Erkenntnis über mich ergehen:

»Ich habe zu Hause auch einen von deiner Sorte!«